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Bericht zur Pflanzenöltagung am 28.10.2005 in Nossen von Erik Ferchau (IRES e.V.)

28. November 2005

Erst die stark gestiegenen Preise für fossile Energie lassen viele Menschen über das Thema Biokraftstoffe aus der Region nachdenken. Man kommt doch erst mit dem spürbaren Schmerz im Portemonnaie zur Vernunft und Energiewende.

Kaltgepresstes Pflanzenöl – der Kraftstoff für die regionale Wirtschaft

Erst die stark gestiegenen Preise für fossile Energie lassen viele Menschen über das Thema Biokraftstoffe aus der Region nachdenken. Man kommt doch erst mit dem spürbaren Schmerz im Portemonnaie zur Vernunft und Energiewende. Somit war auch in diesem Jahr in Nossen ein ansteigendes Interesse zu spüren. Ende Oktober fand die vierte Tagung zum Thema "Kraftstoff Pflanzenöl" in der Ölmühle Nossen statt. Über 100 interessierte Landwirte, künftige Ölmüller, Nutzer und Bürger kamen, um Vorträge, die Ölmühle, die Heizungsausstellung, gesundes Essen aus der Region und die Tankstelle zu erleben. Ein extra geschaffener Raum direkt neben dem 200 t fassenden Ölsaatenlager diente als perfekter Konferenzsaal.

„Pflanzenöl ist keine Notdurft, sondern der bessere Kraftstoff“, so Thomas Kaiser über die gespeicherte Form der Sonnenergie. Als einstiger Mitarbeiter von Ludwig Elsbett kennt Kaiser die Pionierzeiten der Pflanzenölentwicklung vor 30 Jahren. Heute ist er mit den Vereinigten Werkstätten für Pflanzenöltechnologie (VWP) Vorreiter für die zukunftsweisende solare Mobilität.

 

Potenzial von Ölpflanzen für die Landwirtschaft

Kaiser denkt über den heutigen Tellerrand beim Anbau von Ölpflanzen hinaus: Dieser wird umweltverträglicher werden müssen, weil wir uns teuren Mineraldünger und Spritzmittel nicht mehr leisten können, schon aus Gründen des Bodenschutzes und der Ökonomie. Er weist Wege auf, die längst keine Zukunftsmusik mehr sind. Mischfruchtanbau in der Landwirtschaft wird wieder das „Normale“ werden und ein immenses Potenzial erschließen. Damit sind stabile Erträge bei einem gleichzeitigen Anbau von bis zu fünf sich unterstützenden Pflanzen möglich. Die Trennung der Saaten nach der gleichzeitigen Ernte geschieht über Siebe, da die Samen unterschiedlich groß sind.

60 Millionen Tonnen Pflanzenöl werden heute weltweit gehandelt. Eine Verzehnfachung ist möglich- 600 Millionen Tonnen nachwachsende Energie, die jedes Jahr erneut der Menschheit zur Verfügung stehen !

Pflanzenöl ist keine Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion, sondern eine sinnvolle Ergänzung, weil das Hauptprodukt bei der Ölgewinnung, der Presskuchen, ein hochwertiges Eiweißfuttermittel ist. Die wichtigen Stoffe für den Boden gelangen über das Futtermittel Presskuchen und das Vieh zum Boden zurück und schließen somit den Naturkreislauf. Im Öl sind nur Luftstoffe wie Kohlenstoff, Wasser und Sauerstoff enthalten. Pflanzenöl ist als reiner Energiestoff in der Natur die Starthilfe des Samens, über Jahre hinweg speicherfähig und natürlich biologisch abbaubar.

Mit kaltgepresstem Pflanzenöl bleibt die Wertschöpfung, also Arbeit und Geld, vollständig in Region. Wohingegen bei den fossilen Energien Erdöl und Erdgas 60 bis 70% des Geldes aus unserem Land abfließen. Volkswirtschaftlich ist Pflanzenöl dezentral erzeugt absolut sinnvoll.

In Deutschland verarbeiten heute über 260 dezentrale Ölmühlen 10 % der inländisch erzeugten Ölsaaten. Ihre Anzahl erhöhte sich besonders in den letzten fünf Jahren. 1999 waren es erst 80 dieser Ölmühlen in bäuerlicher Hand. Den Sonnenkraftstoff kann man mittlerweile an über 200 Tankstellen regenerativ auftanken (Verzeichnis unter www.biotanke.de).

 

Serienmäßige Produktion von Pflanzenöl-Fahrzeugen möglich

VWP beteiligte sich so erfolgreich am jetzt abgeschlossenen 100 Pflanzenöl-Traktorenprogramm, dass auch die Industrie starkes Interesse an einer Zusammenarbeit bekundet. Gemeinsam mit dem Traktorenhersteller John Deere wird man in ein bis zwei Jahren Entwicklungsarbeit den ersten serienmäßigen Pflanzenöltraktor den Landwirten für die naturnahe Landwirtschaft anbieten können.

Hilfreich für den Sprung in die industrielle Produktion ist die jetzt erarbeitete DIN Norm für Rapsöl. Für andere Pflanzenöle wie Sonnenblume oder Leindotter sollen weitere Normen folgen. Thomas Kaiser führte die neuste Entwicklung seiner Fa. VWP vor: einen auf Pflanzenöl optimierten VW Touran 2,0 TDI PD mit dem geringstem spezifischem Verbrauch von nur 190 g/kWh, der sonst nur in LKW- Motoren erreicht wird. Pflanzenöl ist also auch in den modernsten Motoren einsetzbar! Das setzt aber eine Entwicklung voraus, die ebenso aufwendig wie die Optimierung von Motoren auf Diesel ist, strich Kaiser heraus.

Eine Zweigstelle vom Technologieentwickler VWP gibt es in Sachsen in der Nähe von Freiberg. Der Autoservice Wagner in Langenau, auch durch die Initiative "Tanklust" bekannt, hat sich auf die anspruchsvollen Umbauten von Dieselmotoren auf den nachwachsenden Kraftstoff Pflanzenöl spezialisiert. So wurde die komplette Firmenflotte der Sonnenwärmespezialisten Solifer in Freiberg auf Pflanzenöl umgerüstet. Damit brausen die Mitarbeiter von Solifer Kosten sparend und erfolgreich seit über 4 Millionen Kilometern durchs Land.

Inzwischen gibt es viele Umrüstfirmen, unter denen viele mit sehr zweifelhaften Angeboten und ohne nennenswerte Referenzen nur das schnelle Geschäft machen wollen. Für den Kunden, der sein Kraftfahrzeug zuverlässig umstellen will, wird es unübersichtlich. Deshalb erarbeitete der Bundesverband für Pflanzenöle die folgenden Qualitätsanforderungen, auf die man bei der Umrüstung von Dieselkraftfahrzeugen auf Pflanzenölbetrieb unbedingt achten sollte:

  • Verifizierte Firmen für die Pflanzenölumrüstung

  • Teilegutachten für alle verbauten Teile und technisch abgenommen

  • mind. 1 Jahr Garantie

 

Internationales Pflanzenölforum in Augsburg

Die Aktivisten der Pflanzenölbewegung aus ganz Europa trafen sich auf dem internationalen Pflanzenölforum im September dieses Jahres in Augsburg, um sich miteinander zu vernetzen. In vielen Ländern gibt es noch einiges an politischer Arbeit zu erledigen, wie beispielsweise in Frankreich, wo Pflanzenöl in Reinform als Kraftstoff schlichtweg verboten ist. Über die zentrale Strategie Pflanzenölmethylester ist Biokraftstoff wiederum gewollt und wird zu 5 % dem fossilen Diesel in den Raffinerien beigemischt. Ob die französische Regierung Angst vor unkontrollierbarer dezentraler Kraftstoffherstellung hat ?

 

Pflanzenöl Millennium

Auch das "Pflanzenöl Millennium" wurde auf dem Forum ausgerufen mit dem Ziel, durch einen Nachfrageschub nach pflanzenölbetriebenen Blockheizkraftwerken die industrielle Massenproduktion zu stimulieren. Dadurch lassen sich die Kosten der sehr effizienten Aggregate um bis zu 50 % senken. Das eine solche Kostensenkung realistisch ist, kennen wir von der Windenergie (seit 1990 über 60%). Dort wo es sinnvoll ist, sollen die dezentralen Kraftwerke eingesetzt und als virtuelles Kraftwerk intelligent zusammengeschaltet werden. 10.000 Kleine ersetzen ein großes Kraftwerk. Der Konzern e-on demonstriert die Machbarkeit dieser Idee jetzt in England. Über 80.000 Erdgas Stirling-BHKW sollen dort als ein solches Kraftwerk verschaltet und damit 2 bis 3 Großkraftwerke (4000 MW) ersetzten. (mehr Infos unter www.pflanzenoel-millennium.de)

Interessant war der Vergleich der verschiedenen flüssigen Kraftstoffalternativen und zukünftigen Entwicklungen, die Prof. Schrimpff vorstellte. Die beiden in der Öffentlichkeit oft genannten Varianten BTL und Wasserstoff schneiden dabei schlecht ab. Die sehr aufwendige Herstellung in Großraffinerien wird durch das geringe Input/Output Effizienzverhältnis von unter bis knapp über 1 nicht gerechtfertigt. Das heißt, der Prozeß verschlingt mehr Energie, als er erzeugt ! Auch die sehr geringe Energiedichte und die hohen Kosten sprechen gegen Wasserstoff als Kraftstoff. Die Klammerwerte sind wahrscheinliche Angaben, da noch keine Praxisdaten vorliegen.

 

 

Bioethanol lässt sich durch die Kombination mit einem Biogasprozess effizienter und auch dezentral herstellen. Rapsöl ist dezentral in Einheiten von unter 1 MWth zu geringen Kosten herzustellen. Ein großes Einsparungspotenzial liegt im Anbau von Ölpflanzen wie Leindotter in Mischfrucht bei einer starken Erhöhung der Effizienz.

Erfahrungsberichte von Teilnehmern rundeten die Expertenrunde ab. Herr Pilz, der die erste sächsische Tankstelle für Pflanzenöl seit 1997 in Chemnitz betreibt, hat mit seinem auf Pflanzenöl umgerüstetem Wagen bereits über 520.000 km ohne pflanzenölbedingte Probleme zurückgelegt.  Landwirt Mathes aus Pulsitz bei Riesa baut seit vier Jahren im Mischfruchtanbau Erbsen zusammen mit der Ölpflanze Leindotter an. Bundesweit werden schon über 4000 ha im Mischfruchtanbau bestellt. Tendenz steigend. Zufrieden berichtete Mathes über die drei mit Nossener Pflanzensaft betriebenen Traktoren, mit denen er sich ebenfalls am 100- Traktorenprogramm beteiligt.

Am kommenden Tag wurde in Nossen die "Ölquelle" eröffnet – der Mühlenladen für die nachhaltig gesunde Energieversorgung von uns Menschen.

 

von Erik Ferchau